Brent-Prognose Mai 2026: Warum die 10-Prozent-Korrektur zu früh kommt

Brent notiert am 26. Mai bei rund 97 US-Dollar je Fass — etwa 10 Prozent unter dem Niveau von vor einer Woche und dem niedrigsten Stand seit April 2026. Die Korrektur wird getragen von Optimismus über ein bevorstehendes US-Iran-Abkommen und die Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Wir halten diese Bewegung für verfrüht. Die strukturellen Treiber unter der Oberfläche zeigen in die entgegengesetzte Richtung, und die These eines schnellen Friedensabschlusses ist deutlich fragiler, als der Markt aktuell einpreist.
Die Korrektur in Zahlen
Am 20. Mai stand Brent noch bei 110,34 US-Dollar. Bis zum 25. Mai stürzten die Notierungen um über sechs Prozent in einer einzigen Handelssitzung ab. Am 26. Mai pendelte der Kontrakt zwischen 96 und 97 Dollar. WTI folgte dem Muster und fiel auf 91,39 Dollar, der Brent-WTI-Spread blieb bei rund fünf Dollar stabil. Innerhalb von vier Wochen verlor Brent damit 5,18 Prozent, blieb auf Zwölfmonatssicht jedoch mit plus 49,42 Prozent einer der stärksten Performer im Rohstoffsektor.
Der Auslöser war eindeutig: Präsident Trump verkündete am Samstag, das Abkommen mit dem Iran sei „weitgehend verhandelt". Der Markt interpretierte das als unmittelbaren Pfad zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus, durch die in normalen Zeiten rund ein Fünftel des globalen Öl- und Flüssiggashandels läuft. Die Risikoprämie wurde rasch herausgepreist.
Was die Märkte übersehen
Drei Faktoren werden aktuell unterschätzt.
Erstens: Der Deal ist nicht abgeschlossen. Trump selbst bestätigte am Montag, dass die US-Blockade der Straße von Hormus bestehen bleibt, bis ein formelles Abkommen vorliegt. Iran's halbamtliche Fars-Agentur erklärte parallel, das Land habe sich zu keiner Übergabe von Nuklearbeständen, zur Schließung von Anlagen oder zum Verzicht auf Atomwaffen verpflichtet. Beide Seiten beschreiben dasselbe Papier in unvereinbaren Begriffen.
Zweitens: Aktive Militäroperationen laufen weiter. Am 25. Mai griff das US Central Command iranische Raketenstellungen und Schiffe an, die mutmaßlich Minen verlegen sollten. Diese Aktionen geschahen während des offiziell bestehenden Waffenstillstands. Wer eine Einigung „in den finalen Zügen" sieht, sollte erklären können, warum gleichzeitig Bombardements stattfinden.
Drittens: Die Versorgungslage hat sich nicht gebessert. Selbst wenn die Straße von Hormus morgen wieder voll geöffnet würde, sind nach Wood-Mackenzie-Schätzungen weiterhin etwa zwei Millionen Barrel pro Tag Offshore-Produktion in der Region stillgelegt. Eine vollständige Rückkehr zu Vorkriegsniveaus wird nicht vor Ende des dritten Quartals 2026 erwartet. Die Investmentbank Goldman Sachs hat ihre Erwartung der Hormus-Normalisierung bereits von Mitte Mai auf Ende Juni verschoben — und das war vor den letzten Eskalationen.
Wir haben unsere Einschätzung zum US-Iran-Verhandlungsstand separat dokumentiert und kommen dort zu dem Schluss, dass ein umfassendes Abkommen 2026 unwahrscheinlich ist. Wenn diese Einschätzung trägt, ist die aktuelle Brent-Korrektur fundamental nicht gerechtfertigt.
Der strukturelle Bruch: UAE verlässt OPEC+
Eine zweite Entwicklung, die der Markt zur Zeit nicht angemessen einpreist: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben zum 1. Mai 2026 die OPEC und das OPEC+-Bündnis verlassen. Damit endet eine fast sechs Jahrzehnte währende Mitgliedschaft des nach Saudi-Arabien zweitwichtigsten Förderlandes der Region.
Die unmittelbare Folge: OPEC's Anteil an der globalen Produktion fällt erstmals in der Geschichte der Organisation unter 30 Prozent. In den 1970er Jahren lag dieser Anteil noch über 50 Prozent. Die Vereinigten Arabischen Emirate behalten sich vor, Förderkapazitäten unabhängig von Quoten-Vereinbarungen auszubauen — mittelfristig wird ein Kapazitätsziel von sechs Millionen Barrel pro Tag diskutiert, allerdings nicht vor 2030.
Kurzfristig ist die Wirkung dieses Bruchs verhalten — die Förderung kann nicht aus dem Nichts hochgefahren werden, und die laufenden Hormus-Beschränkungen begrenzen ohnehin den Export. Mittelfristig signalisiert der UAE-Austritt jedoch eine fundamentale Verschiebung der globalen Energie-Governance. Wenn weitere Mitglieder folgen, droht ein Marktanteilskampf, der den Ölpreis langfristig nach unten drücken könnte. Die kurzfristige Knappheit und die langfristige Kapazitätsausweitung wirken in entgegengesetzte Richtungen.
Was die Analystenhäuser sagen
Die großen Banken haben ihre Mai-Prognosen aktualisiert und liegen überwiegend deutlich über dem aktuellen Spot-Preis.
| Institut | Prognose | Details |
|---|---|---|
| Goldman Sachs | 90 USD (Q4 2026) | Hochgesetzt von zuvor 83 USD |
| Barclays | 100 USD (Durchschnitt 2026) | 110 USD bei Hormus-Disruption |
| Morgan Stanley | 110 USD (Q2), 100 USD (Q3) | Unverändert |
| JPMorgan | 60 USD (Durchschnitt 2026) | Ausreißer — Soft-Demand-These |
Der bemerkenswerte Ausreißer ist JPMorgan: Die Bank sieht Brent 2026 im Schnitt bei nur 60 Dollar. Begründung: Soft-Demand-Fundamentaldaten, eine antizipierte Lockerung der Iran-Spannungen und die Erwartung, dass mögliche US-Militäraktionen Irans Öl-Infrastruktur ausdrücklich schonen würden. Diese These hat in den vergangenen drei Monaten an Glaubwürdigkeit verloren — die tatsächlichen Operationen haben durchaus iranische Energieanlagen getroffen.
Der Mehrheitskonsens für 2026 clustered im Korridor 90 bis 105 Dollar, mit Aufwärtsrisiken bei anhaltender Hormus-Krise.
Unser Outlook: bullisch im Konsens, neutral kurzfristig
Die taktische Ausgangslage spricht für eine Konsolidierung im Bereich 92 bis 105 Dollar in den kommenden zwei bis drei Wochen. Sobald sich abzeichnet, dass das Iran-Memorandum nicht in ein verbindliches Abkommen mündet — was unsere Basisthese ist — sehen wir den Pfad zurück in den Bereich 108 bis 115 Dollar.
Trigger für die Aufwärtsbewegung wären:
- Wiederaufnahme intensiver US-Operationen
- Ein offizieller Bruch der Waffenruhe
- Ein iranischer Angriff auf Energieinfrastruktur in den Golf-Staaten
- Eine Klärung von Trump über das Scheitern der Verhandlungen
Trigger für weitere Abwärtsbewegung wären:
- Tatsächliche Hormus-Wiedereröffnung
- Ein verbindliches Memorandum mit Verifikationsmechanismus
- Eine signifikante OPEC+-Antwort auf den UAE-Austritt durch Output-Erhöhungen
Für die Handelswoche vom 25. bis 31. Mai bleibt der Brent-Kurs eng an den Iran-Headlines gekoppelt. Unter 95 Dollar wäre ein Test der 92-Dollar-Marke wahrscheinlich. Über 100 Dollar öffnet sich der Weg zurück in den 105-bis-110-Korridor.
Unser Call für Q2/Q3 2026: bullisch auf Brent gegenüber dem aktuellen Spot. Wir sehen den Jahresdurchschnitt 2026 im Bereich 95 bis 105 Dollar, mit deutlichem Aufwärtsrisiko bei Scheitern der Iran-Verhandlungen. Die JPM-These eines 60-Dollar-Brents halten wir für realitätsfremd angesichts der aktuellen Versorgungs- und Geopolitik-Lage.
Diese Analyse stellt eine redaktionelle Markteinschätzung des BrokersRoom Research Desk dar und ist keine individuelle Anlageberatung im Sinne des § 85 WpHG. Der Handel mit Rohstoffen, CFDs und Devisen ist mit erheblichem Verlustrisiko verbunden. Vergangene Performance ist kein Indikator für künftige Ergebnisse. Datenquellen: Fortune, TradingEconomics, Capital.com, Reuters, Wood Mackenzie, Goldman Sachs, Barclays, Morgan Stanley, JPMorgan Global Research, Gulf News, Middle East Institute. Stand: 26. Mai 2026.


